Meine Ahnen sind meine Familie

Vor inzwischen 8 oder 9 Jahren hatte ich ein krasses Erlebnis, dass mein Leben komplett verändert hat. Wie sehr es mein Leben verändern würde, war mir damals gar nicht klar. Das nichts so bleiben können wird, wie es war, hätte ich nicht gedacht.

Es gab damals einen riesigen Krach zwischen meiner Schwester und mir auf der einen Seite und meinen Eltern auf der anderen. Um was es genau ging, ist dabei gar nicht so wichtig. Es war auf jeden Fall heftig und endete mit dem Abbruch der Verbindung zu meinen Eltern. Komplett. Ich habe seitdem kein Wort mehr von ihnen gehört. Also von ihnen persönlich. Klar, gab es immer mal aus dem Umfeld Infos. Aber ich habe seit dem nie wieder ein Wort mit meinen Eltern gewechselt. By the way - ich habe auch nicht vor diesen Zustand zu ändern.

Aber damals begann meine innere Arbeit. Nachdem ich Tage lang völlig neben mir stand. Ich hatte Angst, dass sie sich melden, aber auch Angst, dass sie es nicht tun. Ich war in Panik, ihnen zufällig zu begegen. In mir war so viel Wut und Traurigkeit. Ich war innerlich schwerst verwundet. Konnte nicht mehr klar denken. Es ging mir so richtig, richtig schlecht.

Immer wieder musste ich erzählen, was passiert ist.
Ich hatte Angst, dass die Leute zu mir sagen würden "Und das findest Du schlimm? Reiß Dich zusammen, es sind deine Eltern." Aber was wirklich passierte, war eigentlich noch beängstigender. Während ich erzählte, sah ich die Fassungslosigkeit in ihren Augen. Sie sagten "Oh mein Gott, wie kann man so mit seinen Kindern umgehen." Und ich fühlte diesen Schmerz, tief, tief in mir. Ich fühlte, wie all die Scherben, die ich mein Lebenlang mühsam mit Tesafilm zusammengehalten und immer wieder geflickt hatte, zu einem Häufchen Asche zerfielen.

Aus meinem tiefsten Inneren brach sich das Gefühl Bahn, dass ich ja nicht mal von meinen eigenen Eltern geliebt werde. Wie sollte mich sonst irgendwer lieben können, wenn nicht mal sie es können. Diese Gefühl war sehr lange schon da und gut weggeschlossen.
Ich würde gerne schreiben, dass das der tiefste Punkt in meinem Leben war. War es leider nicht. Aber es war der Wendepunkt.

Ich war in Bezug auf mein Selbstbewusstsein am Ende. Auch wenn das nach Außen keiner wirklich sah. Ich funktionierte ja weiter und spielte meine Rollen gut genug für eine Welt, die ja auch gar nicht wirklich wissen will, wie es mir tatsächlich ging.

Innerlich, da begann mein langer Weg der Heilung. In ganz kleinen Babysteps. Nach meinem ganz eigenen Gefühl.

Ich begann, und das klingt vielleicht paradox, mehr auf mich zu vertrauen, statt auf irgendwen im Außen. Ich hatte mich ja unbewusst immer an dem orientiert, was meine Eltern für sinnvoll und richtig hielten, um von Ihnen geliebt zu werden. Die sinnlose Bemühung fiel ja plötzlich weg.

Da stand ich nun, zum x. Mal ein innerlicher Scherbenhaufen.
Aber zum ersten Mal in der Lage einen Schlussstrich zu ziehen. Mich für mich zu entscheiden. Ich fühlte mich klein und ungeliebt, aber ein paar Stärken von mir kannte ich auch und daran habe ich mich festgehalten. Babystep für Babystep.

Heute denke ich häufig, dass immer erstmal alles in Scherben liegen muss, damit wir von grundauf neu bauen können. Heute denke ich, es war gut so. Es war nötig. Ich riss dann im laufe der nächsten Jahre noch die restlichen Mauern ein und beschloss, nur noch auf mich selbst zu hören. Da war ich schon auf auf dem Weg der Heilung.

Der größte und wundervollste Moment, das beste Geschenk, das ich mir hätte wünschen können, kam relativ spät in meinem Heilungsprozess und es machte mich endlich wieder komplett. Meine Ahnenverbindung.

Nach dem Bruch mit meinen Eltern und später der Trennung von meinem Ex-Mann, hatte ich eigentlich nur noch meine Schwester und unsere Kinder an Familie übrig.
Da fand plötzlich und unerwartet eine Ahnin den Kontakt zu mir und ich spürte endlich die Liebe, die jedes Kind in einer Familie fühlen sollte. Das überwältigte mich dermaßen, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Gleichzeitig war ich überglücklich und auch so traurig, es erst jetzt zu fühlen, und wieder so glücklich, dass ich es jetzt fühlen darf. Ich habe wie ein Schlosshund geweint.

Heute habe ich so viel Ahnenarbeit gemacht und mich so viel mit transgenerationalem Trauma beschäftigt, dass ich weiß, warum meine Eltern nicht wirklich eine liebevolle Beziehung zu uns aufbauen konnten. Sie waren Kriegsenkel. Wie alle ihrer Generation. Dann stapelten sich die eigenen Traumata oben drauf.

Heute weiß ich, dass ich kein Einzelfall bin. Es gibt viele Menschen in meiner Generation mit einer sehr ähnlichen Geschichte. Das ist die Geschichte unseres Landes.

Mit all der Ahnenarbeit habe ich ganz nebenbei gelernt zu vergeben. Meine Lichtahnen haben da ganz viel für mich in Heilung gebracht. Mit ihrer Kraft und Liebe fand ich mehr und mehr zu mir. Erlaubte mir ich zu sein. Brauchte mich nicht mehr zu verbiegen, um geliebt zu werden. Ja, meine Ahnen unterstützen mich sogar in meiner Einzigartigkeit.

Und da bin ich heute. Sehr selbstbewusst. Sehr geliebt. Sehr verbunden. Sehr in Frieden mit meiner Familie - in einer für mich gesunden Trennung hier auf der Erde und in einer liebevollen Verbindung in die Anderswelt.



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